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Documenta 15 – Ein Resümee von Gofi

Ich habe es ja schon im aktuellen Talk bei Cobains Erben öfters gesagt, dass die Documenta mich ziemlich nachhaltig beeindruckt hat. Es ist dieser Gedanke, nicht etwa als einsames Genie vor sich hinzuarbeiten, um dann irgendwann aus der Versenkung aufzutauchen und der Welt das neue Werk zu präsentieren, sondern gemeinsam mit anderen als Kollektiv Kunst zu machen und das als Teil der Gesellschaft und dadurch eben auch als Teil der Gemeinschaft, mit ihr verbunden, nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch, wirtschaftlich, sozial. Das fordert mich heraus und zwar mehr, als ich zugeben möchte. Denn ich bin gerne und arbeite auch gerne alleine. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, sind meine einzigen Gefährten zwei Nymphensittiche. Der eine hockt direkt gegenüber auf einem Stuhl, der andere auf der Fensterbank. Und das ist mir ganz recht so.

Sie sind sehr süß und freundlich. Aber sie können mir nicht antworten, zumindest nicht inhaltlich. Und das ist ein Nachtteil. Denn so können wir nicht teilen: Wissen, Ressourcen, Produktionsmittel, Technik, Fähigkeiten. Das aber hätte Einfluss auf meine Arbeit. Und vielleicht ist es ja genau das, was mir nicht behagt. Andererseits hätte das große Vorteile, denn durch den Austausch, das Teilen, das gemeinsame Nachdenken wäre ich plötzlich zu Dingen in der Lage, die mir momentan noch nicht möglich sind.

Ich habe mit großem Interesse diese Grafik an der Wand im Ruru-Haus studiert. Hier sind Künstler*innen am Werk, die nicht ohne weiteres Teil eines intakten, gutflorierenden Kunstmarktes sind und die sich überlegen, wie sie dennoch in der Lage sein können, ihrer Arbeit nachzugehen und davon leben zu können.

Die Künstler*innen, deren Werke wir normalerweise bei Anlässen dieser Größenordnung sehen, sind meistens seit ihrer Ausbildung Teil einer Struktur aus Peers, Galerien, Sammler*innen und öffentlichen Institutionen, die zusammen einen Markt bilden, der Kunst kauft und subventioniert. Sie können auf Ressourcen zurückgreifen, die ihnen die Arbeit ermöglichen. Bei vielen der Documenta-Künstler*innen ist das nicht der Fall.

Damit kann ich mich identifizieren. Ich habe weder eine künstlerische noch kunsthistorische Ausbildung, sondern bin Autodidakt und deshalb auf mich alleine gestellt. Nicht ganz: Eine Gemeinschaft aus Freund*innen und Förderern hilft mir (Velleicht gehörst Du ja zu ihnen. Falls das so ist: Ganz herzlichen Dank!). Gerade deshalb fühle ich mich vielen der Documenta-Künstler*innen aus dem globalen Süden verbunden. Mir scheint, sie müssen mit ähnlich beschränkten Mitteln arbeiten. Ihr Mut zum Kollektiv ist möglicherweise nicht nur reine Lust auf Gemeinschaft, sondern vielleicht sogar Notwendigkeit: Nur gemeinsam können sie in ihrer Arbeit vorankommen und außerdem gesellschaftliche Veränderungen erzwingen, die für sie selbst, aber auch für alle anderen Menschen ihrer jeweiligen Gesellschaft wichtig sind. Deshalb wird miteinander gesprochen, Erkenntnisse und Ideen werden zusammengetragen und dann von den Havestern ‚geerntet‘ und festgehalten, wie dieses Plakat erklärt, das man in Kassel finden kann.

Woran vor allem das Kuratorenteam Ruangrupa aus Indonesien arbeitet, ist die Erschaffung von Ökosystemen, in denen das Schaffen von Kunst, das Verdienen von Geld und die Arbeit an gesellschaftlichen Veränderungen Hand in Hand gehen. Das führt öfters zu Werken, bei denen die Übergänge von Kunst zum Aktivismus fließend sind. Noch nicht so sehr bei den Künstlern aus dem Ghetto von Port au Prince …

… aber schon ein wenig mehr bei dem Aborigine Richard Bell …

… oder auch bei Daniel Bakers ‚Survival Blanket‘ …

… vollends dann aber zum Beispiel bei der Gruppe ‚The Question of Funding‘ aus Gaza, die ein eigenes Währungssystem einrichten, um neben Geld auch andere Ressourcen, wie Wissen oder Raum handelbar zu machen, um die aufzuwerten, die nach herkömmlicher ökonomischer Vorstellung als ‚arm‘ gelten, es aber in Wirklichkeit überhaupt nicht sind.

Dem steht ein westliches Kunstverständnis gegenüber, das sich von dieser Art der ‚Kunst‘ irritiert zeigt. Und die Documenta-Künstler*innen wissen das auch. Weshalb sie auf die Frage: ‚Und wo ist jetzt die Kunst?‘ mit heimlich geballter Faust und mühsam kontrollierter Atmung reagieren.

Es sieht so aus, als hätte Kunst, die in großer Armut und unter repressiven politischen Umständen gemacht wird, wichtigere Fragen als die, was jetzt Kunst ist und was nicht. (Genau das schreiben Ruangrupa auch an einer Stelle, die im Ruru-Haus zu finden ist.) Sicher ist es gerade deshalb, der Fall, dass diese Künstler*innen Perspektiven einnehmen, die sich von unseren total unterscheiden und die deshalb für uns äußerst wertvoll sind.

Das soll aber nicht heißen, dass es auf der Documenta nicht Kunst gäbe, die um ihrer selbst willen eine Berechtigung hat, die nicht allein in dem aufgeht, was sie erreichen möchte. Die Porträts von Geflüchteten von Jan Pelzer zum Beispiel haben es mir sehr angetan.

Und auch diese Installation, von der ich leider nicht weiß, von wem sie stammt.

Am Ende erinnert uns der rumänische Künstler Dan Perjovschi mit seiner ‚Horizontal Newspaper‘ auf dem Platz vor dem Kasseler Hauptbahnhof daran, dass schwierige Lebensumstände nicht nur im globalen Süden zu finden sind. Sie kommen gerade auch uns deutlich spürbar immer näher.

Welche Rolle wird die Kunst in den nächsten Jahren bei uns spielen? Bleibt sie ein intellektueller und spiritueller Zeitvertreib für die wenigen Wohlhabenden, die sie sich leisten können und die Muße haben, sich mit ihr zu beschäftigen? Oder werden sich durch sie und um sie herum Gemeinschaften bilden, die sie als Inspirationsquelle und Oase nutzen, um sich an die notwendigen Veränderungen heranzuwagen? Wieviel Mut bringen eingefleischte Individualisten wie wir Mitteleuropäer auf, um uns Gemeinschaften und Kollektiven anzuschließen? 

Vielleicht brauchen wir den gar nicht so sehr, vielleicht werden es die Umstände sein, die uns dazu bringen. Das wäre gut. Und klug. Und diese Botschaft, scheint mir, richtet die Documenta 15 an uns.

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