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Auch Monster malen schöne Bilder – Über den Konflikt zwischen Kunst und Political Correctness

Wir sind irritiert von dem anscheinend zunehmenden Wunsch vieler Linker, in der Kunst- und Kulturszene moralisch aufzuräumen, die Künstlerinnen und Künstler in gut und böse aufzuteilen und vorzuschreiben, was man noch lesen/hören/sehen darf und was nicht. Das ist für uns ein Problem, denn wir sehen uns selbst als Linke, sind auf der andere Seite aber auch Künstler und überzeugte Liberale. Der moralische Reinheitsfuror erinnert uns fatal an gewisse religiöse Kreise, in denen wir mal zuhause gewesen sind. Darüber unterhalten wir uns bei Weinchen und Bier. Aber hört selbst.

17 Kommentare

  1. Julia Julia

    Zuerst mal Kompliment, dass ihr dieses neue Projekt in Angriff genommen habt. Ich bin gespannt, was ihr da noch alles vom Zaun reissen werdet, denn ihr könnt von Tiefe über nerdigen Scheiss bis zu Labern bis der Arzt kommt; genau der richtige Mix, finde ich.
    Die These «Was kann das Werk dafür, dass sein Schöpfer so ein Arschloch ist?» kann ich unterschreiben, und zwar bedingungslos. Ich komme auch aus dieser Ecke, in der man Filme nicht gucken durfte und sich Musik nicht anhören durfte, weil die Gesinnung des Künstlers nicht für gut befunden wurde: »Wir unterstützen das nicht.», hiess es dann jeweils und die Sache war damit abgehackt.
    Andererseits hing in unserer Wohnung jahrelang ein Bild, welches ein Typ gemalt hatte, der mich als Kind sexuell missbraucht hatte. Niemand wusste von dem Missbrauch, denn sonst wäre es bestimmt abgehängt worden.
    Seine Bilder begegneten mir auch an anderen Orten in unserem Umfeld, denn er war im Bekanntenkreis meiner Familie und es gab viele Berührungspunkte. Er hatte wirklich Talent als Maler, einige seiner Bilder sehe ich heute noch genau vor mir, obwohl ich sie nun schon Jahrzehnte lang nicht mehr gesehen habe. Und mir haben seine Bilder auch tatsächlich immer gefallen, obwohl ich seine dunkle Seite kannte und das auf schmerzlichste Weise. Natürlich konnte ich sie lange Zeit nicht neutral betrachten, weil er mir automatisch in den Sinn kam, wenn ich ein Bild von ihm sah. So schön seine gemalten Bilder auch waren, so schrecklich die Bilder meiner Erinnerung, die nur ich sehen konnte. Aber trotz meiner schlechten Erfahrungen behielten die Bilder auf eine gewisse Weise ihren Zauber, ich konnte mich ihrer Schönheit nicht entziehen.
    Ich würde jetzt von ihm kein Bild haben wollen, aber ich kann seine Bilder hängen lassen, wenn ich sie sehe. Ich kann akzeptieren, dass dieser Mensch, der mir so weh getan hat, eine Seite hat, die die Schönheit der Welt einfangen und darstellen kann. Es ist wie ein Blick aus einem anderen Fenster desselben Hauses. Ich kenne die Aussicht auf der dunklen Seite, und ich bin froh, dass ich nie mehr in diese Zimmer gehen muss. Aber auch dieses Haus ist nicht nur von dunklen Seiten umgeben – auch dieser Mensch ist eine vielschichtige Persönlichkeit; zu seinem Glück ist das so, denn er muss mit sich selbst leben und damit klar kommen, wie er ist.
    Ja, es ist erschreckend, welche dunklen Seiten ein Mensch haben kann – aber es ist doch auch erstaunlich, welche Schönheit oder Talent derselbe Mensch hervorbringen kann.

    • Wow, Julia! Wow! Danke für diesen tollen Beitrag!

  2. Pitti Pitti

    Puh, ein echt schwieriges Thema.
    Ich persönlich frage mich, wie weit ich mich als Kunstbetrachter mit der Person des Künstlers überhaupt auseinandersetzen muss. Ich betrachte ja ein Werk und keine Person.
    Allerdings, dort, wo ich es weiß, hätte ich keine Freude mehr an der Kunst. Ein Werk von Hitler – mag es noch so schön sein – ist ein Werk von Hitler. Und das Werk eines pädophilen Täters könnte ich auch nicht genießen, wenn ich es weiß.
    Und trotzdem … zählt nicht auch das ganze Leben eines Menschen? Ich glaube, dass Gott unser ganzes Leben sieht und nicht nur die letzten Meter, und das gilt auch für Künstler, die irgendwann mal falsch abgebogen sind.

    Jay, ich habe den Koran gelesen und versichere dir, dass die Bibel nicht schlimmer ist. Der Koran ist absolute Ü18 Literatur mit detaillierten Beschreibungen, auf welche Weise wir “Ungläubigen” für ewig in der Hölle gefoltert werden. Keine Sure ohne Hölle oder Strafandrohung und Aufforderung zur Gewalt. Nein, wirklich, das ist ganz weit weg von der Bibel.

    • Ich würde gerne unterstreichen, was du schreibst: Wir betrachten das Werk und nicht den Künstler. Und hinzufügen würde ich, dass es dabei gar nicht immer ums Genießen geht, sondern zu allererst ums Wahrnehmen. Kunst ist ja gar nicht nur Genuß, das ist auch Schmerz oder Ekel. Oder sonstwas. Mir geht es natürlich genau wie dir: Wenn ich weiß, was der Künstler getan und gesagt hat, begegne ich seinem Werk anders. Nicht mehr so unvoreingenommen. Vielleicht total mit Vorbehalten. Und bestimmt zurecht. Aber bedeutet das, dass man das Werk von jemandem, der moralisch total versagt hat, gar nicht mehr betrachten sollte? Ich finde nicht.

  3. Julia Julia

    Ich finde den Punkt mit der Selbstbestimmung wichtig, dass mir niemand vorschreiben darf, was ich anschaue und was mir zu gefallen oder nicht zu gefallen hat. Ein Werk völlig von seinem Schöpfer zu trennen, ist wahrscheinlich gar nicht möglich, jedenfalls nicht in diesen ganzen (zurecht) kritischen Fällen. Die andere Frage ist, ob es denn das Ziel des Künstlers ist, von seinem Werk getrennt betrachtet zu werden. Ist das so? Geht es wirklich nur um das Werk? Warum gibt es dann nicht mehr anonyme Kunst? Letztendlich will doch der Künstler selbst gesehen werden, bestätigt werden, oder?

    • Ich würde sagen, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht unbedingt wichtig ist, was der Künstler wollte – ob er berühmt oder gelobt oder gefeiert werden will. Das ist vielleicht alles der Fall. Es ist noch nicht einmal unbedingt wichtig, was der Künstler sagen wollte oder ob ihm das gelungen ist. Es spielt vielleicht immer noch eine Rolle, aber eine untergeordnete. Wir begegnen seinem Werk und beginnen einen Dialog damit. Das ist das Wichtigste. Kann sein, dass von dem, der es gemacht hat, sehr viel durchscheint, vielleicht zu viel für mich, zu viel Dunkles oder Süßes oder Selbstverliebtes oder was auch immer. dann werde ich mich wohl abwenden und nichts damit zu tun haben wollen. Es kann aber auch sein, dass ich etwas entdecke, was dem Künstler selbst nicht bewusst gewesen ist, was vielleicht erst in meiner Begegnung mit dem Werk entsteht oder was erst zu diesem historischen Zeitpunkt, in dem jetzt gegebenen Kontext überhaupt erst entstehen kann. Das hat dann mit dem Urheber nichts oder nicht mehr viel zu tun. Sie/er hat dann vielleicht die Möglichkeit dafür geschaffen, das immerhin. Aber viel mehr auch nicht.

      • Julia Julia

        Stimmt, vorallem wenn es um Musik geht erlebe ich das genau so. Die höre ich meistens komplett losgelöst vom Künstler, und was sie bei mir auslöst, kann unmöglich von ihm geplant oder beabsichtigt sein… Das hat mit mir selbst zu tun…

  4. Matthias Matthias

    Hey ihr zwei!

    Habe mir die drei ersten Folgen sehr gerne angehört.

    Richtig angesprochen hat mich der dritte Teil, vor allem eure Überlegungen bzgl. des (unausgesprochenen?) “Reinheitsgebots” beim Wahrnehmen von Kunst.

    Aus meiner Sicht bestehen da auch Querverbindungen in sehr fromme Kreise (“Heiligung”, “Rein sein wollen”, etc.).

    Für mich besteht da eine unglückliche Vermischung zwischen deutscher Mentalität und Glaube: deutscher Perfektionismus führt in Verbindung mit Angst und strenger Moral zu einer fast schon totalitären Haltung, die unfertiges, kaputtes und schräges nicht aushält…

    Was wirklich widersinnig ist:
    Diese Haltung ist nach der Reformation auch im protestantischen Bereich entstanden, führt Menschen aber oft in eine vor-reformatorische Haltung in ihrem (evangelischen?) Glauben …

    Irgendwie wieder ein Selbsterlösungskonzept …

    Außerdem bringt man sich durch so eine Abwehrhaltung darum, wichtiges zu lernen…

    Übrigens:
    Ein Kunstwerk von tw. umstrittenen Künstlern, das mich 2016 umgehauen hat, ist der Titel / das Video “Mein Land” von Rammstein (zuende schauen!)… Ist schon 2011 erschienen … Leider fast schon prophetisch …

    Viele Grüße, und macht weiter so!

  5. Jörg Jörg

    Am Beispiel »Lolita« seid ihr dann leider an eurem eigenen Anspruch der reinen Werkimmanenz gescheitert.

    • Da haste Recht. Ich würde aber zu bedenken geben, dass wir kein Fachgespräch führen, sondern ein Gespräch unter kunstinteressierten Freunden. Da geht schon mal was daneben.

      • Jörg Jörg

        Klar, das ist ja auch der Charme von eurem Podcast 😉

        Ich finde »Lolita« besonders spannend zum Thema »Authentizität vs. Fiktion«. Ich vermute, dass heute kein Schriftsteller mehr so einen Roman veröffentlichen könnte, ohne sofort und umfassend dem Verdacht ausgesetzt zu sein, selbst pädophil zu empfinden, und damit seinen Ruf und seine Karriere gefährdet. Man kann sich also fragen, wie viele Meisterwerke wie »Lolita«, das ja anerkanntermaßen eines ist, nicht veröffentlicht oder gar nicht mehr geschrieben werden aus Angst vor oder auch nur keinen Bock auf den Shitstorm.

        • Exakt! Der Moralist in mir sagt, dass das gut ist. Der Künstler in mir hält das für eine Katastrophe. Was ist jetzt richtig?

          • Jörg Jörg

            Man sollte ein Kunstwerk überhaupt nicht moralisch bewerten, ein ethisches Herangehen, das danach fragt: Schadet es in der Realität jemandem?, fände ich aber legitim. Im Falle von »Lolita« oder insgesamt fiktionalen Werken sehe ich da aber keine Handhabe. Das Argument des »seelischen Schadens«, worüber ihr ja im Podcast auch sprecht (Reinheit), leuchtet mir nicht (mehr) ein, kämpfe aber auch noch gegen meine zugrundeliegende gegenteilige, fromme Prägung an. Niemand wird durch das Lesen von »Lolita« zum Vergewaltiger.

          • Ja, ich stimme dir wieder vollkommen zu. Im Fall von Lolita habe ich, meine ich, ja vor allem meine persönlichen Gefühle beschrieben, warum ich das Buch letztlich wieder weggelegt habe. Aber das war natürlich keine Empfehlung an alle: Lest dieses Buch nicht! Ich sehe es genau wie du: Kunst lässt sich in der Regel nicht moralisch beurteilen. Es wäre sogar die Frage, ob zB die Verletzung von Rechten von Menschen oder Tieren bei der Erstellung eines Kunstwerkes irgendetwas mit der Bewertung des Werkes zu tun hätte. Natürlich ist das anzuprangern, wenn zB Tieren bei einem Filmdreh geschadet wird. Man sollte den Film wohl auch boykottieren, ich wäre jedenfalls dabei. aber man kann ja trotzdem zu dem Schluss kommen, dass der Film als Kunstwerk hervorragend ist. (Ich glaube, ich habe nur das wiederholt, was du gerade geschrieben hast, oder?)

  6. Julia Julia

    Ich denke auch, dass man Kunst nicht moralisch bewerten
    sollte und trotzdem Manches ethisch hinterfragen kann und muss. Dazu kommt,
    dass wir als Gesellschaft auch eine nicht zu unterschätzende Rolle haben. Wenn
    mancher Künstler sein halbes Leben lang angehimmelt und vergöttert wird, ist es
    nicht wirklich erstaunlich, wenn seine Selbstwahrnehmung dadurch verzerrt wird und er vielleicht noch mehr abdreht.
    Wenn ich jemanden lange genug wie einen griechischen Gott verehre, muss ich
    mich dann auch nicht wundern, wenn der sich wie ein solcher benimmt und auf
    mich als Normalsterbliche scheisst…

    Es ist eine Gratwanderung und eine Spannung, die sich nicht
    auflösen lässt, und auch das muss, meiner Meinung nach, so sein. Das ist
    vielleicht die grösste Kunst, den Spagat zwischen Betrachten und Beurteilen hinzukriegen.

  7. Martin Martin

    Hallo zusammen,
    in vielem geht es mir wie meinen Vorredner/schreiber*innen. Die drei Folgen haben mir gut gefallen. Folge 1 zum reinkommen, bei Folge 2 habe ich mich köstlich amüsiert und in Folge 3 habt ihr das herausgearbeitet, was ich genau so empfinde aber nicht so richtig für mich formulieren konnte. Danke.
    Ja, ich will keine (ungefragte) moralische Vorbewertung und es ist mir äußerst unangenehm, dass die Bewertung derzeit oft von linker Seite kommt. Das hin und her mit Lisa Eckert und die aufgebaute Bedrohung ist völliger bullshit. Woher kommt diese Angst vor Diskurs? Woher die moralische Besserwisserei, die ich sonst nur aus freikirchlicher, evangelikaler, pfingstlerischer Tradition kenne und die mich in jungen Jahren begleitet hat?
    Mit Jays Plädoyer für Xaviers Kunst (Stimme, Ausdruck …) kann ich auch gut. Mir war es zwischenzeitlich auch fast peinlich, dass mir Songs wie “20.000 Meilen” nicht nur gefallen sondern sie mich auch berührt hatten. Und ja ich dachte auch, “wenigstens hat er den Text nicht selbst geschrieben” (sondern Moses Pelham). Vielleicht werde ich ihn mal wieder hören. Grade zum Trotz. Nur den Wendler tue ich mir jetzt nicht an… 😉
    Freue mich auf die weiteren Folgen.

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