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Rainer Maria Rilke: Was sich hinter seinen Worten verbirgt

Er ist vor knapp 100 Jahren gestorben, aber seine Worte werden noch heute von vielen verehrt und gerne gehört und gelesen: Rainer Maria Rilke scheint als Dichter unheimlich gut in unsere Zeit zu passen, und vielleicht ist das ja auch gar nicht so verwunderlich. Schließlich gibt es in politischer Hinsicht und vielleicht auch im Hinblick auf das Lebensgefühl gewisse Parallelen zwischen den damaligen und den heutigen Zwanzigern. Gruselig, oder? Ja, genau. Und da trifft es sich dann tatsächlich gut, Rilke zu lesen, finden wir, ohne ihn wirklich gut zu kennen. In diesem Talk stürzen wir uns in seine Worte und sind ziemlich erstaunt über das, was wir dort alles entdecken: Verwirrung, tiefe Sehnsucht und Verzweiflung, aber auch Hoffnung auf bessere Tage. Wir lesen: ‚Östliches Taglied‘, ‚Der Ölbaumgarten‘, ‚Der König von Münster‘ und ‚Was mich bewegt‘.

ÖSTLICHES TAGLIED
Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiss als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müsste so sich ineinanderlegen
wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinander drücken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.

Rilke, Rainer Maria. Rilke,R.M.,Gesammelte Werke (Gedichte) (Anaconda
Gesammelte Werke 3) (German Edition) (S.409). Anaconda Verlag. KindleVersion.


DER ÖLBAUM-GARTEN
Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. O namenlose Scham …

Später erzählte man: ein Engel kam – .

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen Hunderte vorbei. Da schlafen Hunde und da
liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und sie sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

Rilke, Rainer Maria. Rilke,R.M.,Gesammelte Werke (Gedichte) (Anaconda
Gesammelte Werke 3) (German Edition) (S.414-415). Anaconda Verlag.
Kindle-Version.


DER KÖNIG VON MÜNSTER
Der König war geschoren;
nun ging ihm die Krone zu weit
und bog ein wenig die Ohren,
in die von Zeit zu Zeit

gehässiges Gelärme
aus Hungermäulern fand.
Er saß, von wegen der Wärme,
auf seiner rechten Hand,

mürrisch und schwer gesäßig.
Er fühlte sich nicht mehr echt:
der Herr in ihm war mäßig,
und der Beischlaf war schlecht.

Rilke, Rainer Maria. Rilke,R.M.,Gesammelte Werke (Gedichte) (Anaconda
Gesammelte Werke 3) (German Edition) (S.478-479). Anaconda Verlag.
Kindle-Version.

WAS MICH BEWEGT
Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen –
und dann
Gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit …

Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

5 Kommentare

  1. Klemens Klemens

    Herzlichen Dank für eine weitere Literaturfolge! Ich finde, die Kafka-Folge hat schon super funktioniert und jetzt auch diese. Die rhythmische Änderung in der letzten Zeile von ‚Der König von Münster‘ (Reduktion um eine Hebung) verwendet er auch in seinem ‚Panther‘-Gedicht (ebenfalls letzte Zeile – hier von fünf auf vier Hebungen). Fand ich sehr interessant, dass der gleiche lyrische Tool so unterschiedliche Wirkung hat – in Bezug auf die Qualität des Beischlafs natürlich sehr witzig, beim Bild, das im Herzen aufhört zu sein, sehr tragisch.

    Ich würde euch auch sehr gerne mal zum Thema ‚Narrative‘ diskutieren hören. Das ist ja unabhängig von der Kunstdisziplin ein präsentes Thema und beeinflusst unser Denken/unsere Werte/etc. schon seit den ersten Erzählungen. Falls ihr da mal Bock drauf habt, würde es mich sehr freuen.

  2. Fairman Fresse Fairman Fresse

    Hallo Kurt, Hallo Kobein,
    ich bin noch am Anfang des Podcastes, möchte einen weiteren Dichter empfehlen. Sein Buch heißt ‚Dickicht‘. Ich zitiere aus ‚Klagelied eines Fußballfans:,,Liegt es vielleicht daran, dass ihnen ihr Geld am Monatsanfang nicht auf das Konto überwiesen, sondern direkt in den Arsch geblasen wird?“ Der Autor heißt übrigens Gottfried Müller. Den müsst ihr mal einladen.
    In diesem Sinne, möge Werder Bremen und Union hoch leben und Rilke uns befrieden.
    Be blessed Gofi und Jay!

    Euer Fairmann Fresse

    • Ah, wahrhaft göttliche Verse!

  3. Sören Sören

    Hey Jay!
    Bin ja Deiner Meinung, dass niemand Gott ersetzen kann, aber warum sind im Dritten Reich soviele Deutsche Christen ebenso auf Hitler reingefallen. Es waren doch bestimmt einzelne Menschen, auch Atheisten dabei, die vielleicht ‚Gott‘ verloren haben, aber die Lüge durchschaut haben. Ich bin der Meinung, dass jede Menge, jede Masse in sich gefährdet ist, irgendwelchen Verführern auf den Leim zu gehen, unabhängig von der Religion. Insofern halte ich regelmäßige Selbsthinterfragung für mich und uns alle für notwendig.
    Ick danke euch für den schönen Abend und euren Talk!

    Fette Grüße!

    Sören

    • Jay Jay

      Hai Sören,
      ja, da gehe ich komplett mit. Meine Überlegung im Talk war, wenn ich mich recht erinnere, eher eine philosophische. Also, dass Totalitarismen deutlich machen, dass man auf Gott (als menschlich unverfügbares Größeres, das den Menschen in die Schranken weist) eigentlich nicht verzichten kann. Praktisch gesehen hat du vollkommen Recht, Gläubige wie Ungläubige sind gleicher Maßen verführbar. Gläubige unter Umständen, aufgrund ihres Weltbildes, sogar noch leichter.

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